07.08.2019

Neue Ausgabe des Magazins Marktleben

Hier sind alle daheim - Unter dem Namen Heimatküche wird eine ganz besondere Gastwirtschaft in Bechingen, jenseits der Alb, erhalten. Und auch die Art und Weise, wie Inge Tress hier ihre Wurzeln pflegt, ist etwas ganz Besonderes.

 

Über 60 Jahre ist es her, dass Albert Hänle den Hof in Bechingen kaufte. Zusammen mit seiner Frau Liesel hielt er eine über die Jahre steigende Zahl Vieh, bewirtschaftete einige Hektar Land. Die Gastwirtschaft betrieben sie nebenbei, abends gab es Vesper und Sonntagnachmittag um drei kamen die Bauern, um ein Bier zu trinken. Liesel Hänle war eine hervorragende Köchin, in dem 110-Seelen-Dorf wa-ren Albert und sie bald eine nicht mehr weg zu denkende Institution. Doch Liesel ist inzwischen gestorben und Albert hat die 87 erreicht – was sollte aus dem kleinen Gasthaus werden?

Ein Zurück gab es nicht
Tochter Inge hatte vor 40 Jahren auf die Alb geheiratet, und hat dort einen Namen, der Klang hat in der Gastronomie. Sie führte, zusammen mit ihrem Mann Johannes Tress und später mit ihren Söhnen, die Rose in Ehestetten, das weit über Schwaben hinaus bekannte Restaurant und Hotel in Bio-Qualität. Bekannt geworden ist es vor allem durch ihren Sohn, Simon, der als Koch Bauch und Herz aller Genussmenschen im Sturm erobert.

„Hinter das, was wir da in Ehestetten mit der Tress Gastronomie erreicht hatten und hinter die konsequente Festlegung auf Bio-Qualität konnte ich nicht mehr zurück“, bekennt Inge Tress, die vor gut eineinhalb Jahren schon beschlossen hatte, den elterlichen Betrieb in Bechingen zu schließen. 

Aber der Aufschrei war groß. Vor allem der der Dorfbewohner, aber auch vieler anderer, denn Albert und Liesel Hänle waren bis nach Reutlingen hinein zu einem beträchtlichen Bekanntheitsgrad gekommen. Manch ei- ner bog auf der Hin- oder Heimfahrt von der B312 ab, um die gute Küche und die besondere Herzlichkeit der Hänles im Gasthaus Neuhaus zu genießen.

Das gibt es selten
Aber wie rettet man eine Gastwirtschaft, die nicht mehr erwirtschaftet, was Arbeitskräfte heute kosten? Viele Wirtshäuser sterben inzwischen so, wie es auch das Los des Gasthauses Neuhaus in Bechingen gewesen wäre. Doch es war ihre Heimat – Inge Tress fasste sich ein Herz.

Nur jemand mit der Erfahrung dieser Wirtin, dem Stehvermögen und dem gewaltigen Einsatz, den sie zeigt, kann eine solche Wirtschaft retten. „Wir machen das als Familie, wir stehen da zusammen, wie bei allem, was wir tun“, erklärt Inge Tress. Heimat-küche nennt sie ihr Projekt, und hier kommt alles zusammen, was Inge Tress ausmacht. Denn leidenschaftlich gerne zieht sie die Schürze an und steht in der Küche. Dass sie das mit besonders viel Herz in ihrer Heimat macht, dort wo sie als kleines Mädchen durch die Wiesen gerannt ist, steht außer Frage. „Der Namen Heimatküche war ganz schnell gefunden“, erzählt die Gastronomin. Alles ist jetzt bio-zertifiziert – außer dem Bier, aufgrund der langjährigen Freundschaft, die die Familien Hänle und Baader verbindet. So zieren auch weiterhin die nostalgischen Lampen mit dem Zwiefalter-Logo den Eingang des Lokals.

Heimat in neuem Glanz
Die Gaststube ist geschmackvoll und modern restauriert. Der Stil ist frisch und modern, aber mit einer bewussten Verbindung des Neuen mit dem Alten ausgeführt, die sehr gelungen ist. Da ist die handgemalte Kassettendecke mit dem Blumenmuster erhalten worden, genauso wie die Bänke in der Gaststube, die mit ihren Schnitzereien von viel alter Handwerkskunst erzählen. Der ehemalige Obstgarten hinter dem Haus wurde vom Riedlinger Garten- und Landschaftsbauer App als großer Garten mit Terrasse neu angelegt. In einem schönen Steinbrunnen sprudelt frisches Wasser, ein offener Steinbackofen liefert im Sommer donnerstagabends Dinette oder Wähen.

Die Küche ist die Mitte von allem
Bodenständiger als in der Rose ist das Essen hier, und doch schmeckt der Kenner sofort die exzellenten Rezepte von Simon Tress. Dass so leckere Gerichte zu einem immer noch sehr akzeptablen Preis angeboten werden, ist wohl mit ein Grund dafür, dass sich der Erfolg der Heimatküche in dem kleinen Dorf so schnell eingestellt hat. Noch heute ist der Stammtisch immer gut besetzt, obwohl viele der Stammgäste mit Bio nicht viel anfangen können. Aber auch alle, die bisher schon von der Bundesstraße abgebogen sind, um hier einzukehren, sind positiv überrascht.

Wenn dann noch am zweiten Mittwoch jeden Monats der „Fröhliche Alltag“ stattfindet, dann spielt ein Trio seine traditionelle Volksmusik – mit Hackbrett, Harfe und Steirischer Harmonika – wie sie das seit über zehn Jahren hier tun. Spätestens jetzt wird einem deutlich bewusst, wie viel Heimatgefühl diese Wände bergen. Nicht nur für Inge Tress und ihren Vater, der nach wie vor voller Freude seine Gäste begrüßt, egal woher. Nicht nur für die Bechinger, die schon seit Jahrzehnten hier immer wieder sitzen. Kaum jemandem ist es möglich, sich diesem Gefühl von Heimat, das diese einzigartige Gaststube ausmacht, zu entziehen.

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