04.12.2017

„Das Klassenzimmer im Grünen“: Schüler der vierten Klassen der Gutenberg-Schule Riederich erhalten Abschlussurkunden für Streuobstunterricht

Foto: Mirjam Sprzagala. Mit Begeisterung für die Streuobstwiese – die Kinder der vierten Klassen der Gutenberg-Schule.

Über die Frage was ein „Brettacher“ und ein „Schöner von Boskoop“ sind, können die Viertklässler der Gutenberg-Schule in Riederich nur überlegen lächeln. Ein Jahr lang haben die Schüler und Schülerinnen der Klassen 4a und 4b nun zusammen mit Ihrer Streuobst-Pädagogin Marion Scherl eine Streuobstwiese gepflegt und in ihrem „Klassenzimmer im Grünen“ sehr viel Neues über unsere schwäbische Kulturlandschaft gelernt.

Seit Dezember 2016 haben die Kinder das Thema Streuobstwiese in spielerischer und erlebnisreicher Weise erfahren und „begriffen“ im wörtlichen Sinne. Streuobst-Pädagogin Marion Scherl betreute die Klassen und bewirtschaftete gemeinsam mit den Kindern eine Streuobstwiese im Jahresverlauf. Sie begaben sich im Winter auf „Spurensuche im Schnee“, bauten Nisthilfen für Insekten, beobachteten Schmetterlingen und pflanzten einen Obstbaum – den besagten Brettacher bzw. Schönen von Boskoop. Dabei lernten Sie auch die aufwändige Pflege einer Wiese kennen und welche Produkte aus dem Obst gewonnen werden können.

Für das Thema „Ernte und Verwertung“ des Obstes musste sich Marion Scherl dieses Jahr jedoch etwas Besonderes einfallen lassen, da aufgrund der Fröste im Frühjahr die Erträge nahezu ausfielen. So fanden die Kinder in einer Apfelschnitzeljagd zu den Streuobstprodukten beispielsweise heraus, was Bienen mit Gummibärchen zu tun haben, oder bereiteten Müsli mit selbst hergestellten Haferflocken und Obst zu – die Apfelbutzen wurden den „Wiesenmitbewohnern“, die mit ihnen in den letzten Wochen den Lebensraum geteilt hatten, zum Dank ausgelegt.

Nach der letzten Unterrichtseinheit Ende Oktober bzw. Anfang November, die immer auch von den dazugehörigen Klassenlehrerinnen begleitet wurde, besuchten die Klassen noch einmal ihre gepflanzten Bäume, die mit informativen Schildern zur Sorte, Pflanzdatum und Namen der Schule gekennzeichnet sind. Anschließend überreichte Marion Scherl den Schülern ihre Abschluss-Urkunden über die erfolgreiche Teilnahme am Streuobst-Unterricht, die alle voller Stolz entgegen nahmen.

„Wir hatten tolle und erlebnisreiche Stunden, alle freuten sich immer sehr auf den Streuobstunterricht und die Kinder waren traurig, dass dieses nun das letzte Zusammentreffen war“, so Streuobst-Pädagogin Marion Scherl und verweist gleich auf ein aktuelles Problem: „Eigentlich sollte man so einen „Draußenunterricht“ mindestens 1-2 mal im Monat anbieten, da die Kinder oft keinerlei Basis mehr haben und nur noch verkopft sind“.

Dieser Meinung kann sich Alexander Dehm, stellvertretender Geschäftsführer des Vereins Schwäbisches Streuobstparadies e.V., nur anschließen. Der Verein hat im Jahr 2015 die Ausbildung zum Streuobstpädagogen in Zusammenarbeit mit Beate Holderied von der Streuobstschule Böblingen für interessierte Personen angeboten. Über 80 Streuobstpädagogen und -pädagoginnen sorgen nun dafür, dass das Projekt „Streuobst-Unterricht für Grundschulen“ in den Landkreisen Esslingen, Reutlingen, Tübingen und Göppingen angeboten werden kann.

Die Pädagogen arbeiten selbständig als Botschafter der heimischen Streuobstwiesen. Sie bieten in den sechs Landkreisen des Streuobstparadieses, vorrangig für dritte Klassen, ein gestaffeltes Portfolio im Streuobstunterricht an: je nach Bedarf können die Schulen zwischen zwölf Unterrichtsstunden (Programm „Apfelbäumchen“) und bis zu 22 Unterrichtseinheiten (Programm „Streuobstwiese“) wählen.

Im Landkreis Reutlingen findet das Programm begeisterten Anklang. Die Kinder freuen sich über die Abwechslung zum Klassenzimmer und lassen sich ganz neu für „draußen“ begeistern, die Lehrer wundern sich erfreut über ausgeglichene Schüler und eine ganz neue Klassendynamik und die Streuobstpädagogen finden Bestätigung für ihren Einsatz, der oft weit über die Zeit mit der Klasse hinausreicht. Zusätzlich hat das geweckte Interesse der Kinder schon mancher Obst- und Gartenbauvereins-, Nabu- oder BUND-Jugendgruppe neue Mitglieder beschert.  Allein in diesem Schuljahr nehmen 27 Klassen teil und es gibt noch Kapazität für weitere Schulklassen. Ein Ansporn: Die Finanzierung erfolgt nur zur Hälfte über die Schule, die andere Hälfte wird über Fördermittel des Landkreises und der jeweiligen Kreissparkasse erstattet. Interessierte Lehrer, Eltern oder Schüler können sich gerne beim Kreisfachberater für Obst- und Gartenbau des Landratsamtes Reutlingen, Thilo Tschersich, unter T.Tschersich@kreis-reutlingen.de melden.

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